FLIPPERS, HEINO u.a. - Ddorf-Burgplatz 09.05.09
„Alter, du wirst es nicht glauben, was morgen in Düsseldorf los ist!“ sagt mir Chris am Telefon, und ich höre sein breites Grinsen durch den Hörer. „Die bauen hier gerade eine Bühne vom WDR4 auf. JUBILÄUMSPARTY!“. Blitzschnell hänge ich vor meinem Laptop und gucke, wer denn dort so alles spielen mag. Ich falle aus allen Wolken. Ein Staraufgebot, was seines Gleichen sucht und das alles FÜR LAU! Heino, Die Flippers, Nicole, Die Schäfer und: Dieter Thomas Heck! Nein, nicht moderierend, sondern singend. Ich kann es nicht glauben. It´s Schlagertime.
Düsseldorf platzt an diesem Samstag aus allen Nähten. Die Altstadt tobt. Würstchenbuden, Bierbuden, Fruchtgummi und Gute-Laune-Stände. Seit 16 Uhr trällern die lustigen Musikanten auf der Bühne des WDR4. Wir kommen pünktlich zum Beginn der Liveübertragung um 18 Uhr an. Wenn ich hier von „Live“ spreche, dann denke ich, verstehen wir uns. Selbstverständlich gibt es teils Halb-Playback, teilweise scheuen sich die Acts aber auch nicht zum Vollplayback rumzugrinsen.
Wir fuchteln wild mit unseren Handys rum und koordinieren, so dass wir bald mit all unseren Schlagerfreunden zusammen ein erstes Bier heben können. Wir sind etwa 6 Leute, wobei zählen im Nachhinein nicht zu meinen Stärken zählt. Zählt...
Schnell haben wir die Festplatz-security vor uns stehen. Wichtig zeigt einer der beiden Möchtegern-Bodyguards mit seinem Funkgerät direkt auf mich, bzw. meine Flasche und sagt: „Aber Freunde, nicht hier die Flaschen rumwerfen... Schön ordnungsgemäss entsorgen!“. In manchen Situationen ist man so fassungslos, dass einem fast die Worte fehlen. Diese Szene ist eine der solchen. Wir schauen uns an, dann wieder den Security-herrn und sagen: „Ja, super! Danke für den guten Tipp! So machen wir´s!“
Die beiden Sheriffs schreiten breiten Schrittes davon und sind ganz fest der Ansicht, sie hätten etwas Gutes für die Ordnung und Sicherheit getan.
Genug gequatscht, denken wir uns und tauchen in die Menge hungriger Zombies. Wir wollen Schlager hautnah erleben. Leider gestaltet sich dieses Unterfangen etwas schwieriger als geplant. Zwar stehen die rüstigen Rentner und Mittdreissiger Stylo-schlagerschnitten in einem Schweinegrippe-infektionsrisikofreien Abstand zueinander, dennoch gestaltet sich das Durchkommen eher schwierig, da die Schlagerfans vehement ihre guten Plätze verteidigen wollen. Mit einer Aggressivität, die man eher aus den ersten 20 Reihen bei einem Tokio-Hotel Konzert kennt, wird hier gewettert und geschimpft, dass es nur so ein Vergnügen ist.
Man hätte sich vor Stunden schon den guten Platz gesichert und da könne ja jeder kommen, und überhaupt, nee Freunde, so geht´s nicht...
Als wir uns bis zur Mitte durchgekämpft haben, stehen wir zwischen einem Haufen Partypeople, denen man nicht nur die gute Laune, sondern auch den Humor vom Gesicht ablesen kann. 90% CDU-Wähler, 9,99994 Prozent NPD-Wähler und der Rest sind wir.
Den ersten Act kennen wir nicht. Schunkeltime steht auf dem Programm und ehe Chris sich versieht, hat er schon Mutti am Arm hängen. Nach zwei Minuten schunkeln bin ich so derbst aus der Puste, dass ich mir eine Pause gönne. Wir kommentieren lauthals die Ansagen auf der Bühne und bekommen mehr Aufmerksamkeit als der Act auf der Bühne geschenkt.
Die Jugend von heute ist so ungeduldig und schnell gelangweilt. Boooring... und ausserdem ist das Bier wieder alle und so verabschieden wir uns kurzzeitig von unseren neu gewonnenen Freunden. Beim Gang durch die Menge sehen wir schreckliche Dinge. Zahnlose mit Unterarm-Hügelkreuz-Tattoos verzierte Personen, Menschen ohne Spiegel daheim, die versuchten sich schick zu machen, Menschen mit Spiegel, die nicht versuchten sich schick zu machen und Alkoholiker, die im letzten Stadium sind, in dem sie glauben, dass das hier Musik wäre.
Kurze Bratwurst und Bierzeit. Für mich nicht. Ich muss mich um Interviews kümmern. Klar. Der Mann von der Westdeutschen Zeitung spricht uns an, warum wir hier wären. Wir präsentieren unser gesammtes Schlagerwissen und scheinen ihn damit zu verblüffen. Er knipst 3 Fotos, die am nächsten Tag sogar auf der WZ online Seite erscheinen werden. Er macht deutlich, wie wenig Lust er heute auf seine Arbeit hat, untermauert dabei seine Aussage mit der Tatsache, dass er soeben ein Bier auf dem Boden abgestellt hat, um sich unsere Antworten in seinem Buch zu notieren.
Und da läuft auch schon der Dieter, der Thomas, ja, der Heck auf. Wir sind sofort hellwach. Das Highlight des heutigen Tages. Wir drängeln uns ein wenig nach vorne. Dieter hält einen Plausch mit dem WDR Moderator, easy wie immer, eine Hand in der weissen Hosentasche, die andere am Mikro, dabei trägt er stolz seine Plauze vor sich her und schwallt ein belangloses, pseudowitziges Gequatsche vor sich hin, dass es nur so eine Freude ist. Ein Witz unterbietet den nächsten. Dieter ist kaum zu bremsen. Sein Geschwafel versucht uns zu erdrücken, wir können uns kaum wehren, aber dann endlich ist es soweit: Playback ab und los geht das. Dieter haut 3 Krachersongs raus, die seines Gleichen suchen. Das ist energiegeladener Schlager, wie wir ihn lieben. Die Lautsprechermembrane wehen uns um die Ohren. Wir feiern, als würde es kein Morgen geben.
Zwischen jedem Song muss Dieter Thomas noch eine etwas ausschweifende Geschichte erzählen und verlässt nach gefühlten 90 Stunden leider schon wieder die Bühne. Ein Auftritt der - ganz klar - heute nicht mehr getoppt werden kann.
Ein adrett gekleidetes Paar fällt uns in den Fokus. Sie stehen nur unweit von uns entfernt, sie fallen zwischen den 7000 Schnauzbartträgern erheblich auf. 2 Feinis, die gerne auf der Königsallee einkaufen würden, wenn sie das Geld dafür hätten. Der erste Eindruck scheint nämlich zu täuschen. Das Optische ist scheinbar nur Fake, denn der mitgebrachte Alkohol ist kein Champagner, sondern günstiger Sekt und schaut man mal etwas genauer hin, sieht man auch, wie der hierher befördert wurde. Nämlich in einer Alditüte. Und weil man ja so schick ist, hat man die Alditüte kurzerhand auf Links gekrempelt. Und so glauben die Beiden würde es etwas stilvoller wirken. (beachtet hierzu bitte auch die Bildergalerie unten!)
Heino kommt mit - wer hätte das geglaubt - einem roten Jacket auf die Bühne. Heino ist nicht cool. Er hat uns damals auf dem grossen Schlager- und Volksmusik- Event ermahnt, dass wir uns doch benehmen sollten und es „jetzt mal gut“ wäre mit den Zwischenrufen. Seine deutschen Volkslieder über Berge und Täler und gelbe Wagen scheinen nicht einmal die Omas vom Hocker zu hauen. Wir sind sauer, weil wir an die Beschimpfungen seinerzeit von Heino denken. Dennoch versuchen wir die Crowd mit „Ohne Heino wär´ hier gar nichts los“ - Chören anzuheizen.
Andy nutzt wieder einmal die Gelegenheit und reist sich eine etwa 60 Jährige Schnitte auf und bemerkt nach einem gemeinsamen Foto: „guck mal, wir zwei passen doch gut zusammen, oder?“ Die zuvor noch recht freundliche Dame ist plötzlich sehr irritiert und es ist vielleicht nicht schlimm, dass ich nicht höre, was Andy ihr danach noch ins Ohr haucht. Ich sehe nur ihre Blicke und die sprechen Bände.
Der WDR4-Mann mit dem grossen Mikrophon und dem Kopfhörer auf dem Kopf huscht an uns vorbei und hätte uns fast übersehen, und so klopfe ich ihm kurzerhand auf die Schulter und sage: „Hier sind wir!“. Er schaut mich verwirrt an. „Ja, wegen dem Interview!“ Er zögert kurz und schmeisst dann seinen Apparat an. Wir berichten über unsere Erfahrungen mit Heino und Jürgen Drews, die Highlights des heutigen Tages und quatschen über Oldschoolschlager. Er merkt schnell, dass er es mit Szenekennern zu tun hat.
Der Himmel beginnt damit etwa 46 Tropfen Regen auf den Burgplatz zu werfen und innerhalb von 30 Sekunden sind etwa 7000 Regenschirme geöffnet, die nur darauf gewartet haben, geöffnet werden zu können. Man spürt Sätze in der Luft wie: „siehst du Gerda, gut, dass ich gesagt habe, lass uns den Schirm mitnehmen“. Man piekst sich gegenseitig die Augen aus und jeder einzelne sieht nur noch Schirme und Schirme. Etwa 10 Minuten lang, dann scheint die Gefahr vorbei zu sein. Die vereinzelt getragenen Plastik-Kopfhauben bleiben jedoch vorsichtshalber auf dem Toupet festgeschnürt.
Nicole ist nichts für uns. Zu modern. Sie hat heftige Beats dabei, die uns nur so um die Ohren wummern. Heftig. Dann doch lieber die Schäfer. Denn die laufen, wie sich das gehört, grinsender Weise umher und trällern sich die Seele aus dem Leib.
Derweil geht ein weiterer Mutant mit uns auf Tuchfühlung. Der Schnurbartträger mit schmuckem Hemd und Glitzer dran, verrät uns ungefragt, dass er ein verkappter Schlagersänger wäre, aber was Nicole so macht, fände er nicht so gut, er würde textlich eher in die BUSHIDO, ja richtig gelesen: BUSHIDO- Ecke gehen. Wir feiern ihn für sein Engagement und machen gleich ein Foto.
Die Stimmung kommt langsam aber sicher zum Höhepunkt, denn nun sind die FLIPPERS am Start. Wir versuchen nach vorne zum Moshpit zu gelangen, können diesen aber nicht klar erkennen. Alkoholisierte Rentner sind kampfbereit und lassen uns jetzt erst recht nicht mehr nach vorne durch. Viel zu lange haben sie auf ihren guten Plätzen verharrt, damit sie ihn jetzt verteidigen können. Mit dem Knirps im Arm und auf Krawall gebürstet. Eine explosive Mischung.
Die FLIPPERS, die heute ihren neuen HITMIX mitgebracht haben, schiessen den Vogel dann aber endgültig ab. Wir gröhlen Texte mit, die wir glauben zu kennen und werden mit Blicken gestraft. Party till death, alter. Die Flippers hauen uns mit ihren Smashern die letzten Hirnzellen raus. Wir sind fix und alle!
Der Szenenwechsel dauert etwa eine halbe Stunde. Dafür ziehen wir zum AK, denn dort spielt heute eine Toten Hosen Coverband. Na, ob die heute noch was toppen können.... lest dazu den Bericht, wie dieser Tag weiterging.... (hier lesen!)
(Rene)
Einzelfoto oben: WZ by Ulli Höck
Fotogalerie unten: Rene Brocher










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